In schlechter Zeit unter Mühen erbaut
HETTENLEIDELHEIM: Vor 75 Jahren wurde die Mariengrotte unter großer Anteilnahme der Bevölkerung errichtet - Urkunde gibt Aufschluss
Massenarbeitslosigkeit war vor 75 Jahren, im Jahr 1931, ein Thema, genauso wie heute. Mit dem Unterschied, dass damals der Arbeitslose häufig nicht wusste, wie er sich und seine Familie satt bekommen sollte. Dass die nationalsozialistische Diktatur bevorstand, wussten die Erbauer der Mariengrotte in Hettenleidelheimer Wald im Frühsommer 1931 noch nicht. Aber sie kannten einige ihrer Ursachen: In Deutschlands schwersten Tagen, in einer Zeit wirtschaftlichen Niedergangs und tiefster Verarmung der Nation, in einer Zeit grassesten, ideale und religiöse Werte zerstörenden Materialismus reifte in den Reihen einiger katholischer Jungmänner von Hettenleidelheim der Gedanke, an einer schönen Stätte in dem Gemeindewald von Hettenleidelheim eine Marienwaldgrotte zu errichten." So beginnt die von Georg Bücklein verfasste Gründungsurkunde.
Die Grotte steht in der Waldabteilung Kühunter, dort wo die Straße von Hettenleidelheim nach Ramsen in einer scharfen Kurve nach rechts schwenkt. Diese Straße wurde erst später in mühevoller Handarbeit gebaut. Am 21. Juni 1931 wurde die Grotte von Dekan Josef Poth geweiht. Sie ist eines der 25 religiösen Denkmale im Gebiet der Gemeinde Hettenleidelheim. Im Wald stehen außerdem das große Kolpingkreuz aus dem Jahr 1950 und der Schönstatt-Bildstock mit einem geschnitzten Marienbild von 1955.
In schlichten Worten zeichneten die Grottenbauer damals ihr Tun auf; der Bericht wird im Heimatmuseum verwahrt. Es war im Jahre 1931 am 5. Mai: da war die Firmung und zwar die erste in Ramsen vom Hochwürdigsten Herrn Bischof Ludwig Sebastian von Speyer. So kam es auch, daß Hettenleidelheim nach Ramsen in Prozessionsform zur Firmung ging. Nach Beendigung der Feier trafen sich einige junge katholische Burschen in der Wirtschaft Graf von Taufkirchen. Dieselben waren Anton Zwierlein, Josef Ulrich, Franz Wild, Franz Nennstiel, Wolfgang Wolf. Auf dem Heimweg kam die Sprache auf die schlechte Zeit, und als wir am Ausgang des Ramser Pfades waren, da bleiben die obengenannten stehen und sagten alle wie aus einem Mund: Hier an diesem verkehrsreichen Waldplatz könnte man eine Marien-Grotte erbauen. So tauchte der erste Gedanke auf zur Erbauung einer Waldgrotte." Alle aus einem Mund - das hat was von Legende. Wahrscheinlich wird einer den Wortführer gemacht haben, vielleicht Franz Wild, der damals die Marienfigur stiftete und noch bis ins hohe Alter die Grotte täglich wartete.
Schon einen Tag später, am 6. Mai, tagt der Gemeinderat und erteilt Franz Nennstiel im Auftrag einiger hiesiger Bauhandwerker" einstimmig die Genehmigung zum Grottenbau. 18 Erbauer listet die Urkunde auf: Die Maurer Adam und Karl Henn sowie Wolfgang Wolf führten die Kelle, die übrigen Herren besorgten unter großer Mühe das Herbeischaffen der schweren Steine." Es sind zum Teil riesige Sandsteinblöcke, die in ihrer natürlichen Form verwendet wurden. Das Wasser für den Mörtel musste aus dem nahe gelegenen Tal hochgeschleppt werden.
Bevölkerung spendet
Von staatlichen und kirchlichen Zuschüssen ist nichts zu lesen, dafür von vielen Sachspenden aus der Bevölkerung. Andreas Fürst stiftet Eisen für das Schutzgitter, der Dorfschmied Florian Strack schmiedet es um Gotteslohn. Der Landwirt Johannes Nachbauer stellt ein Fuhrwerk zur Verfügung, andere schenken Zement. Trotz allem entstehen Kosten, die durch den Verkauf von Postkarten gedeckt werden sollen. Vier Wochen nur hat der Bau gedauert, und am 21. Juni des Jahres 1931 weiht Dekan Josef Poth die Andachtsstätte. Eine große Prozession, so berichtet das Pfarrgedenkbuch, zieht in den Wald; vier Männer tragen die Marienfigur.
Die politische Lage am Vorabend der Diktatur ist in der Gründungsurkunde eingefangen: Der hochbetagte, seines Alters wegen handlungsunfähige Reichspräsident Hindenburg, Held des ersten Weltkrieges; Heinrich Brüning, der Kanzler der katholischen Zentrumspartei, der durch radikale Sparpolitik den letzten ernsthaften Versuch unternahm, die Weimarer Republik zu konsolidieren, bis er von jenen nationalkonservativen Kräften gestürzt wurde, die Adolf Hitler den Weg bahnten; die Arbeitslosigkeit - aber auch die Hoffnung, der Depression etwas entgegenzusetzen: Das alles benennt die eingangs zitierte Urkunde als Signum der Zeit. Die Grotte solle Zeugnis ablegen, daß ein schwergeprüftes Volk gelebt hat, das nach Friede, Freiheit und Ewigkeit rang", heißt es am Schluss. Mögen diese Worte heute auch allzu pathetisch klingen - sie sind ein Zeugnis von Menschen, die einer niederdrückenden gesellschaftlichen Lage nicht das letzte Wort lassen wollten, denen ihre christliche Religion Hoffnung gab.
Die Väter der Grotte hatten am 6. September 1931 einen Verein gegründet, der 1932 neben der Grotte eine hölzerne Schutzhütte baute. Und der vormalige Vereinsvorstand Franz Wild (1906-1983) kümmerte sich, solange er konnte, um seine" Grotte und trug daher im Dorf den Beinamen Grottenfranz". Wild war es auch, der 1972 den Neubau der Hütte veranlasste und die nötigen Sachmittel und Helfer organisierte.
Rentner kümmern sich
1998 machten sich die rüstigen Rentner der Seniorengruppe Ü 60" der Kolpingfamilie um den Fortbestand der Andachtsstätte im Wald verdient. Auch heute noch sind Grotte und Hütte beliebte Ziele für Spaziergänger und Stätte der Andacht. Manchem nächtlichen Autofahrer, der sie nicht kennt, fällt der durch die Baumstämme blinkende Schein der leuchtenden Kerzen auf, und er fragt sich, wer da wohl im Wald ein Feuer brenne ...
Quelle:
Publikation: DIE RHEINPFALZ
Von unserem Mitarbeiter
Roland Happersberger
Regionalausgabe: Unterhaardter Rundschau
Datum: Nr.296
Datum: Donnerstag, den 21. Dezember 2006
Seite: Nr.16
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